Historische Kataloge zwischen Beständigkeit und Bedrohung: Moderner Zettelkatalog und mittelalterlicher Klosterkatalog im Reflexionsraum der Erinnerungskultur
Description
Der Bibliothekskatalog der Basler Kartause, entstanden um 1520, stellt für die Forschung eine zentrale Quelle dar. Seine Überlieferung ermöglicht nicht nur die Rekonstruktion einer spätmittelalterlichen Bibliothek im Übergang vom handgeschriebenen Buch zum Druck, sondern sogar die annähernd vollständige Einrichtung im originalen Raum, der bis heute erhalten ist. Die Bewahrung dieses Katalogs wird als selbstverständlich erachtet; er gilt als unantastbares Kulturgut, ist digitalisiert und im OPAC der Universitätsbibliothek Basel nachgewiesen. Seine Existenz ist gesichert, sein Wert unbestritten.
Im Kontrast dazu steht der Basler Zettelkatalog des 20. Jahrhunderts, dessen Fortbestand seit Jahren in Frage gestellt wird. Trotz seines Umfangs, seiner historischen Aussagekraft und seiner Bedeutung für die Rekonstruktion bibliothekarischer Arbeitsprozesse wird er regelmässig als entbehrlich eingestuft. Anders als der Kartause-Katalog besitzt er weder den Nimbus des «Alten» noch die Aura des Unwiederbringlichen. Viele Zettelkataloge an europäischen Bibliotheken haben die Einführung der ersten OPACs in den 1990er-Jahren nicht überdauert. Dieser Umgang mit historischen und modernen Katalogformen wirft Fragen auf: Beruht sie auf zeitlicher Distanz, auf der Menge überlieferter Karteikarten oder auf einer Erinnerungskultur, die ältere Artefakte intuitiv höher bewertet?
Diese Divergenz macht sichtbar, wie Erinnerungsmechanismen und normative Vorstellungen darüber, was als bewahrenswert gilt, die Bewertung von Inhalten prägen. Der Beitrag hinterfragt diese Mechanismen systematisch: Handeln wir nach inhaltlichen oder formellen Kriterien? Welche Bedeutung hat die Materialität der Objekte? Beeinflussen kollektive Erinnerungskulturen die Entscheidungspraxis in Bibliotheken? Methodisch stützt sich die Untersuchung auf die Analyse historischer Kataloge der Universitätsbibliothek Basel, sowie auf den Vergleich formaler, materieller und inhaltlicher Bewertungskriterien. Erwartetes Ergebnis ist ein geschärftes Bewusstsein dafür, wie selektive kulturelle Wahrnehmungen zu Erhalt oder Verlust führen – und welche Konsequenzen dies für die Frage hat, was wir bewahren sollten und was nicht, um zukünftige Forschung nicht ungewollt zu verengen.
Notes (German)
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